«Wir sind eine attraktive Region, dürfen uns aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen»
Das Geschäftsjahr 2024 des Gemeindeverbandes LuzernPlus war intensiv und geprägt von einigen Veränderungen. Im Interview blicken Präsident André Bachmann und Geschäftsführer Armin Camenzind zurück und sprechen über die Reorganisation der Geschäftsstelle, die Attraktivität der Region und die damit einhergehenden Herausforderungen für die nächsten Jahre.
Was bleibt euch vom Jahr 2024 bei LuzernPlus am stärksten in Erinnerung? Über welche Entwicklungen freut ihr euch am meisten?
André Bachmann: Wir sind agil und können auf verschiedenste Herausforderungen schnell und kompetent reagieren. Der Output der Geschäftsstelle ist hoch. Weiter finde ich auch die Anlässe sehr gelungen, besonders auch das neue Format «CaféPlus», an welchem wir die Mitglieder des Kantonsrates zweimal jährlich zu einem Austausch einladen. Als Region stellen wir mehr als die Hälfte der Vertretungen im Kantonsparlament. Solche Anlässe helfen, über wichtige Themen zu informieren und zu sensibilisieren. Bei den Projekten wird die jahrelange Arbeit auf einer eher abstrakten Ebene nun konkreter – wir reden jetzt über Umsetzungsfragen. Das spürt man beispielsweise beim DBL. Der Durchgangsbahnhof ist ein Generationenprojekt und Grundlage für die Entwicklung unseres Kantons. Diese Botschaft wurde mit der erfolgreichen DBL-Ausstellung an der LUGA bekräftigt.
Armin Camenzind: Für mich ist es die gelungene Reorganisation mit einer gut aufgestellten Geschäftsstelle. Wir haben ein interdisziplinäres junges Team, mit dem wir die in der Strategie festgelegten Themen angehen können. Nach einer schwierigen Phase im Jahr 2023 ist es jetzt wieder sehr angenehm, auf der Geschäftsstelle zu arbeiten.

Präsident André Bachmann und Geschäftsführer Armin Camenzind blicken im Interview auf das Jahr 2024 bei LuzernPlus zurück.
Eine grosse Herausforderung bleibt der DBL. Wie steht ihr aktuell zu diesem Thema?
Camenzind: Es ist wichtig, dass wir es als Region noch besser schaffen, in den entsprechenden Gremien unsere gemeinsamen Lösungen einzubringen. Wir müssen den Kompromiss zwischen den verschiedenen Projekten – Bypass und DBL – finden. Im Grundsatz wird in der Innenstadt keine Verkehrsdrehscheibe für Autos gebaut, sondern die zentrale Drehscheibe für den öV. Hier kommt LuzernPlus eine Vermittlerrolle zu.
Bachmann: Zu ideologisch geprägten Fundamentaldiskussionen zurückzukehren, erachte ich als nicht zielführend. Der motorisierte Individualverkehr (MIV) darf nicht wachsen, die Kapazitätsgrenzen sind erreicht. Die grosse Gefahr ist, dass schliesslich nur ein Projekt umgesetzt wird. Und das wäre wohl das Strassenprojekt.
Welche weiteren Herausforderungen bereiten euch Kopfzerbrechen?
Bachmann: Nüchtern betrachtet: Die Region hat eine super Phase und ist äusserst erfolgreich. LuzernPlus ist eine attraktive Region. Das lockt viele Menschen, Unternehmen und Investoren an. Es sprechen nahezu alle Faktoren, mittlerweile auch die Steuern, für unsere Region. Packen wir es an! Wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen, es werden wieder schwierigere Zyklen und Zeiten auf uns zukommen.
Camenzind: Kopfzerbrechen bereiten mir weiterhin die langatmigen Prozesse. Es braucht eine hohe Frustrationstoleranz. Der Markt spielt nicht zwischen verschiedenen Gemeinden, sondern zwischen Luzern und anderen Schweizer Städten oder sogar international. Beispiel Wohnungsmarkt: In der Region LuzernPlus haben wir trotz grosser Bautätigkeit zu wenig Wohnungen. Der Wohnungsbau im Vergleich zum Bevölkerungswachstum ist zu langsam. Als Raumplanungsverband muss uns dies Sorgen bereiten. Wir sind in diesem Thema noch zu schwach unterwegs.
Im vergangenen Jahr habt ihr die Finanzierung durch den Kanton als «frustrierend» bezeichnet. Wie steht ihr aktuell zu diesem Thema?
Bachmann: Der Stadt-Land-Graben kann zunehmend zu einem Problem werden. Als starke Region wird LuzernPlus immer mehr angehängt. Irgendwann kippt es und das Zentrum wird von den Zentrumslasten erdrückt. Dass dann dem äusserst erfolgreichen RET LuzernPlus Mittel gekürzt werden, ist komplett absurd. Die finanzielle Unterstützung vom Kanton und die Leistungen von LuzernPlus für den Kanton stehen in einem völligen Missverhältnis.
Camenzind: Nehmen wir das Beispiel OECD-Mindeststeuer. Es geht um 400 Millionen Franken, die ab 2026 verteilt werden müssen. Welches probate Mittel hat der Kanton für die Förderung der Standortattraktivität? Der Verteilmechanismus darf nicht zulasten der urbanen Regionen gehen. Der Wirtschaftsmotor des Kantons ist die Region LuzernPlus. Kurz: Die schwachen Regionen werden nicht gestärkt, wenn die starken Regionen geschwächt werden. Genau das Gegenteil ist der Fall.
Die Gebietsmanagements wurden 2024 vollständig in die Geschäftsstelle integriert. Zudem wird seit September auch die Sportförderung aufgebaut. Was erhofft ihr euch durch diese Reorganisation?
Bachmann: Resilienz des Systems und in der Aufgabenerfüllung. Knowhow kann ersetzt, ein Netzwerk muss wieder aufgebaut werden. Es braucht eine Harmonisierung bei den Entwicklungsprozessen der Teilgebiete. Plusminus wurden alle Entwicklungsschwerpunkte gleichzeitig gestartet, stehen heute aber an einem völlig anderen Punkt. Jeder Gebietsmanager hat einen guten Job gemacht, aber wenn dieser nicht lange bleibt, kann der volle Nutzen nicht entfaltet werden.
Camenzind: Mir ist wichtig zu betonen: Das neue Modell ist kein Misstrauen gegenüber den ehemaligen Mitarbeitenden. Es ist viel eher eine Frage der Phase der Gebietsmanagements. Es werden jetzt andere Skills benötigt. An dieser Stelle nochmals danke an die Pioniere der Gebietsmanagements wie Thomas Glatthard, Ueli Freyenmuth und Nathalie Mil oder in jüngerer Zeit Christoph Zurflüh und Raymond Studer.
Beim Sport war es so, dass die Delegiertenversammlung diesen Auftrag in der aktuellen Strategie bereits festgelegt hat. Nun haben wir im vergangenen September die Chance genutzt und eine regionale Sportkoordinationsstelle installiert, da der Kanton die Stelle mitfinanziert und die Position sogleich mit einem passenden Mitarbeiter mit dem benötigten Background besetzt werden konnte.
Bachmann: Beim Sport die Spange zu den Finanzen: Es ist erfreulich festzustellen, dass derselbe Kanton, der meint, das Knowhow und Netzwerk der RET nicht umfänglich mitfinanzieren zu müssen, nun beim Sport den Weg über die RET sucht, um die Aufgabe zu regionalisieren. Dies sollte zukünftig beim Commitment zu den anderen RET-Handlungsfeldern ebenfalls berücksichtigt werden.
Blick in die Zukunft: Welche Projekte werden LuzernPlus in den nächsten Jahren prägen?
Camenzind: Ich denke da an eine gute Klärung betreffend ESP Rothenburg. Ich erhoffe mir sehr viel vom Kanton, dass dieser eine aktivere Rolle im ESP übernehmen möchte. Mit den personellen Wechseln glaube ich, dass es einen Aufschwung geben könnte. Wir brauchen jetzt (finanzielle) Power. Auch erwähnen möchte ich den Standortwechsel der Geschäftsstelle. Dieser hat sich bewährt. Wir sind in der «Frohburg» nun mitten im Entwicklungsschwerpunkt LuzernNord und freuen uns, 2026 mit dem Bezug des neuen Verwaltungsgebäudes am Seetalplatz, geografisch bald noch näher mit dem Kanton zusammenarbeiten zu können.
Bachmann: Es werden riesige Anstrengungen bei der Klimaadaption benötigt. Als Raumplanungsverband steht uns in diesem Bereich einiges bevor. Zum Beispiel das Vorantreiben des Landschaftsparks Reuss. Das nächste Hochwasser ist eine Frage der Zeit. In der aktuellen Strategie wird der matchentscheidende Bereich «Energie und Infrastruktur» sehr mager bearbeitet. Das werden wir uns zukünftig nicht mehr erlauben können. Der Schwerpunkt des im Jahr 2025 startenden Prozesses für die neue Strategie muss daher unbedingt verlagert werden.
